Literatur | Philosophie | Sprache
Lukas Fischer, 2007 | Rorschacherberg, SG
Diese Arbeit untersucht den jiddischen Dialekt der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde Agudas Achim in Zürich. Zuerst bietet sie einen Überblick der chassidischen Gemeinschaft in Zürich, deren Institutionen und Mitglieder. Zentral wird die Verwendung des Jiddischen innerhalb der Gruppe mithilfe von qualitativen Interviews dokumentiert und der Dialekt des Jiddischen mit demografisch ähnlichen ausländischen Gemeinschaften und dem Standardjiddischen verglichen.
Aus den Ergebnissen geht hervor, dass der Zürcher Dialekt zwar weitgehend dem Zentralostjiddischen entspricht, jedoch Einflüsse durch das Schweizerdeutsche, Hochdeutsche und Englische erfahren hat. Gleichzeitig sind ein Abbau grammatischer Strukturen sowie die Entwicklung innovativer Formen zu beobachten. Es ist zudem offenkundig, dass die jiddische Sprache eine identitätsstiftende Funktion hat.
Fragestellung
Die zentrale Frage dieser Arbeit ist, wie der jiddische Dialekt der Agudas Achim Zürich linguistisch beschaffen ist und wie er sich von anderen historischen und kontemporären Dialekten unterscheidet. Ein Fokus liegt auf dem Einfluss der Umgebungssprache, dem Schweizerdeutschen, und auf der Mehrsprachigkeit der Sprecher. Ausserdem wird erforscht, wie das Jiddische das Schweizerdeutsche der Sprecher beeinflusst.
Methodik
Die Untersuchung basiert auf einer qualitativen Feldforschung mit drei Interviews von männlichen Mitgliedern der Gemeinde Agudas Achim. Die Gewährsleute wurden dazu aufgefordert, Geschichten zu erzählen und Fragen zur Gemeinde und ihrem persönlichen Sprachgebrauch zu beantworten. Die Sprachdaten wurden dann transkribiert, klassifiziert und im Vergleich mit der bestehenden Literatur zur Phonologie und zur Pronominal-, Artikel- und Adjektivflexion im Standardjiddischen und im kontemporären chassidischen Jiddisch in New York, Montreal, London und Israel ausgewertet.
Ergebnisse
Phonologisch ist der jiddische Dialekt in Zürich dem Zentralostjiddischen ähnlich, jedoch erscheinen einige untypische Laute, die meistens auf das Nordostjiddische oder Hochdeutsche zurückzuführen sind. Der Genus- und Kasuszerfall verläuft ähnlich wie im Ausland: Die bestimmten Artikel fallen weitestgehend in die Form «de» zusammen. Im Pronominalsystem zeigt sich ebenfalls die Tendenz zur Synkretisierung, die dennoch etwas konservativer als in ausländischen chassidischen Gemeinschaften verläuft. Die verschiedenen Endungen des Adjektivs wiederum fallen radikal in einem «-e» zusammen. Im Futur erscheint eine innovative Bildung mit Verbformen, die an das deutsche «werden» angelehnt sind. Auffällig ist sowohl auf Wort- als auch Satzebene das Code-Mixing zwischen Jiddisch, Schweizerdeutsch, Englisch, Hochdeutsch und Hebräisch. Im Schweizerdeutschen der Gewährsleute ist zudem die Einwirkung der jiddischen Grammatik und Lexik nachweisbar.
Diskussion
Die Arbeit zeigt die Präsenz des Jiddischen als Alltagssprache in der Schweiz und weist nach, dass die Entwicklung des Jiddischen in Zürich ähnlichen Tendenzen folgt, wie sie für ausländische chassidische Gemeinschaften beschrieben wurden, darüber hinaus aber auch durch das Schweizerdeutsche, Hochdeutsche und litwische Jiddisch beeinflusst wird. Es ist davon auszugehen, dass die jiddische Sprache mit der Stärkung der konservativen Stimmen in der Gemeinde weiter bestehen bleibt und sogar an Wichtigkeit zunimmt. Die Sprache trägt dazu bei, die Gemeinde gegenüber der Aussenwelt abzugrenzen und die eigenständige Identität zu stärken.
Die kleine Stichprobe und die Einschränkung auf Männer um 60 Jahre schränkt die Aussagekraft der Resultate allerdings ein und verleiht den einzelnen Sprachbiografien ein übermässiges Gewicht. Auch die Erzählsituation in den Interviews mit einem Nicht-Muttersprachler lässt Raum für den Beobachtereffekt, was eine Verfälschung der Resultate nicht ausschliessen lässt.
Schlussfolgerungen
Die Arbeit stellt erstmals eine systematische Beschreibung des jiddischen Dialekts der Agudas Achim Zürich bereit und zeigt, dass dieser sowohl konservative als auch innovative sprachliche Elemente aufweist. Weitere quantitative Forschungsansätze könnten die gezeigten Phänomene präzisieren und beispielsweise Alters- und Geschlechtsunterschieden nachgehen.
Würdigung durch den Experten
Dr. Christoph Landolt
Das chassidische Jiddisch ist ein international gesprochener Dialekt der jiddischen Sprache, der sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in einem völlig neuen Umfeld herausgebildet hat und bislang nur ansatzweise erforscht ist. Lukas Benjamin Fischer legt als erster den Fokus auf die Schweiz und zeigt, dass das Zürcher chassidische Jiddisch seiner drei Gewährspersonen zahlreiche Parallelen, aber auch Unterschiede zum chassidischen Jiddisch in New York, Montreal, London und Jerusalem aufweist. Damit leistet er einen substanziellen Beitrag zur jiddistischen Linguistik.
Prädikat:
Gold
Sonderpreis für junge Linguisten und Linguistinnen, gestiftet von der Schweizerischen Sprachwissenschaftlichen Gesellschaft
Kantonsschule am Burggraben , St. Gallen
Lehrer: Damian Brülisauer
