Gestaltung  |  Architektur  |  Künste

 

Elena Romano, 2005 | Zofingen, AG

 

Diese Arbeit vereint das Komponieren von Musik mit dem Anliegen, psychische Erkrankungen – hier die Essstörung Anorexia Nervosa – zu entstigmatisieren. Nach intensiver Recherche zu der Krankheit wurde ein innovatives 9 Phasen Modell entwickelt, welches von Kindheit bis jetzigem Leben der Betroffenen reicht. Es folgte eine qualitative Umfrage mit 12 ehemals Betroffenen zu Ausprägung von Emotionen und Gefühlen in den jeweiligen Phasen. Die daraus gewonnenen Emotionsmuster wurden in einer Komposition aus neun Sätzen vertont. Zum Einsatz kamen unterschiedliche musikalische Mittel, welche jeweils anhand der Umfragedaten gewählt wurden. Zu den meisten Sätzen wurden professionelle Aufnahmen realisiert (durch den Pianisten Ivan Horvatic und Studioaufnahmen von Streichern). Die Komposition soll trotz der unvermeidbaren Subjektivität von Musik Verständnis fördern und die Tür für mögliche therapeutische Anwendungen sowie weitere Vertonungen psychischer Erkrankungen eröffnen.

Fragestellung

Die Arbeit folgt drei Leitfragen:
1. Theoretische Grundlagen: „Was ist Anorexie und in welche Phasen lässt sich der Krankheitsverlauf einteilen?“
2. Zuordnung von musikalischen Parametern: „Welche Emotionen und Gefühle prägen diese Phasen und welche Kompositionstechniken lassen sich diesen zuordnen?“
3. Bewertung der Gesamtwirkung: „Wie gut bringt das Zusammenspiel dieser Techniken den gesamten Krankheitsverlauf zum musikalischen Ausdruck?“

Methodik

Die Methodik gliedert sich in Recherche, Umfrage und datengestützte Komposition. Zuerst wurde umfassend zu Anorexia nervosa recherchiert. Das entwickelte 9-Phasen-Modell wurde in einen Fragebogen mit Likert-Skala (1–6) für latente Emotionen übersetzt. Zwölf ehemals Betroffene füllten den Katalog aus (qualitative Tiefe, Varianzrisiko). Auswertung via Stärke-Zeit- und Balkendiagrammen führte zu phasenspezifischen Kompositionstechniken. Neun Sätze wurden in Dorico geplant und mit variierter Instrumentation und diversen Kompositionstechniken und musikalischen Mitteln vertont.

Ergebnisse

Die Umfrage ergab, dass positive Werte wie Unbeschwertheit oder Verspieltheit in Phase 1 zur Kindheit hoch sind und durch Krankheit rasant absinken. Ambition bleibt durchgängig hoch. Negative Werte wie Angst, Nervosität oder soziale Isolation erreichen ihren Höchstwert in Phase 5. Energie und Konzentration fallen durch Mangelernährung, erholen sich heilend, erreichen aber nie den Ausgangswert (Langzeitfolgen).
Diese Ausprägungen werden phasenweise vertont. Satz 1 zitiert Frère Jacques als Call-Response für Verspieltheit. Satz 2 gestaltet Alltagstrott repetitiv, Satz 3 begleitet die Violine choral. Satz 4 erzeugt bedrohlichen Herzschlag. Satz 5 vertont Klinik düster-repetitiv, Satz 6 Verwirrung dodekaphonisch. Satz 7 kontrapunktisch die Heilungsambivalenz, Satz 8 greift Motive für den Untergang der anorektischen Stimme auf, Satz 9 führt kammersinfonisch narrativ zum Neubeginn. Testhörer bestätigen authentische Vertonung.

Diskussion

Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese, dass Anorexie phasengerecht vertont werden kann, beantworten die Leitfragen präzise und zeigen methodische Grenzen durch musikalische Subjektivität auf. Die Umfragedaten bestätigen die Definition der Erkrankung und validieren das Modell. Emotionsauswertungen ermöglichen passende Technikzuordnungen, während Testhörer die intendierte Wirkung bestätigen. Die Umfrage und Diagramme waren effektiv für qualitative Tiefe. Stärken liegen in der empirischen Fundierung und Innovation, Schwächen in der kleinen Stichprobe und Techniksubjektivität. Eigener Perfektionismus verzögerte Arbeitsprozess zum Teil durch Iterationen und somit war dies die grösste Hürde. Planung und Motivation hielten trotz hohem Aufwand an.

Schlussfolgerungen

Diese Arbeit zeigt, dass die Anorexie durch eine datenbasierte Komposition emotional greifbar vertont werden kann. Erreicht wurde ein innovatives 9-Phasen-Modell, das bestehende Ansätze um Übergangsphasen erweitert. Die Leitfragen sind beantwortet: Krankheitsdefinition, phasenspezifische Emotionszuordnung und Ausdrucksstärke, gestützt durch Testhörer-Feedback. Professionelle Aufnahmen existieren für alle Sätze ausser dem Neunten. Offen bleibt die Generalisierbarkeit durch kleine Stichprobe und subjektive Musikwirkung. Mögliche nächste Schritte umfassen den therapeutischen Einsatz der Komposition, die Vertonung weiterer psychischer Erkrankungen, eine empirische Studie mit grösserer Testhörergruppe sowie die Vollveröffentlichung. Die Arbeit sensibilisiert und bereichert persönlich – ein vielversprechender Ansatz für Aufklärung durch Kunst.

 

 

Würdigung durch den Experten

Prof. Dr. Michel Roth

Die Arbeit „Sound of Struggle“ ist ein überzeugendes Beispiel transdisziplinärer Forschung: Basierend auf Literaturstudium und persönlichen Erfahrungen hat Elena Romano ein 9-Phasen-Modell der Anorexia Nervosa entwickelt und dieses mittels einer Umfrage mit 12 Betroffenen qualitativ fundiert. Aus den ermittelten Daten ist eine musikalisch vielschichtige Komposition in 9 Sätzen entstanden, die einerseits als eindrückliches Vermittlungsmedium des komplexen Krankheitsverlaufs dient, anderseits Betroffenen Orientierung und Mut geben kann. Mehr kann Forschung nicht erreichen.

Prädikat:

Gold

Sonderpreis vom Lucerne Festival

 

 

 

Kantonsschule Zofingen
Lehrer: Ivan Horvatic