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Nanda Alrayan, 2007 | Bern, BE

 

Die Arbeit untersucht das Werk «Esquisses Africaines, dessinées pendant un voyage à Alger» des Berner Naturwissenschaftlers Karl Adolf Otth (1803-1839) auf orientalistische Darstellungen sowie auf das Ideal des «Edlen Wilden». Ziel ist es zu klären, ob Otths Beschreibungen orientalistische Denkweisen widerspiegeln und inwiefern er sich von anderen Orientalisten seiner Zeit unterscheidet. Die Untersuchung erfolgt anhand einer Auswahl wiederkehrender Themen in den Lithografien und Begleittexten.
Otths Werk weist zahlreiche Merkmale des Orientalismus auf, darunter Faszination und Eskapismus. Gleichzeitig lassen sich in einzelnen Passagen differenziertere Haltungen erkennen, etwa in seiner Kritik an der Zerstörung religiöser Bauwerke.
Insgesamt ist sein Werk Teil des orientalistischen Diskurses, auch wenn einzelne kritische Momente eine komplexere Perspektive eröffnen.
Eine postkoloniale Analyse des Werks liegt bislang nicht vor. Damit leistet diese Arbeit einen Beitrag zur Erforschung des Schweizer Orientalismus im 19. Jahrhundert.

Fragestellung

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, inwiefern sich in diesen Darstellungen Orientalismus sowie das Ideal des «Edlen Wilden» erkennen lassen. Daraus ergeben sich folgende Leitfragen:
1) Sind die Ideen des Orientalismus im Werk von Otth zu erkennen? Welche?
2) Inwiefern unterscheidet sich Otth von anderen Orientalisten seiner Zeit?

Methodik

Die Arbeit basiert auf einer Primärquellenanalyse des Werkes Esquisses africaines von Karl Adolf Otth. Wiederkehrende Themen wurden identifiziert und die Lithografien sowie begleitende Textausschnitte nach thematischen Gemeinsamkeiten in Kapiteln zusammengefasst.
Zur historischen Einordnung wurde Sekundärliteratur herangezogen. Die theoretische Grundlagen bilden der Orientalismus und das Ideal des «Edlen Wilden». Dabei dient das bahnbrechende Werk Orientalism von Edward Said als massgebliche Grundlage.

Ergebnisse

Karl Adolf Otth repräsentiert Algerien für seine europäische Leserschaft und konstruiert damit Darstellungen eines nicht-westlichen Anderen. Somit erfüllt sein Werk die Definition vom Orientalismus. Elemente wie Eskapismus, Faszination sowie utopische Bemerkungen und pauschale Zuschreibungen treten häufig auf.
Otth verurteilt die französische Zerstörung von Moscheen, Häusern und Grabstätten. Seine Kritik richtet sich jedoch vor allem auf den kulturellen und materiellen Verlust und weniger auf das Leiden der betroffenen Menschen aus. Obwohl er einzelne Handlungen der französischen Besatzung kritisiert, stellt er die koloniale Struktur grundsätzlich nie in Frage.
Die Europäisierung Algeriens kritisiert er hauptsächlich auf ästhetischer Ebene, etwa als er europäische Gebäude als unpassend innerhalb des orientalischen Stadtbildes empfand. Gleichzeitig stellt er die Kolonialisierung teilweise positiv dar, etwa wenn ihn neue Strassen an Paris erinnerten.
Individuelle Unterschiede der lokalen Bevölkerung werden zudem durch pauschale Zuschreibungen wie «afrikanischer Charakter» ausgeblendet. Bewohner der Kabylei, die Widerstand gegen die französische Kolonisierung leisteten, beschreibt Otth als störende «Wilde».

Diskussion

Die erste Fragestellung konnte klar beantwortet werden: Orientalistische Darstellungen sind in Esquisses Africaines deutlich erkennbar.
Die zweite Fragestellung konnte nur eingeschränkt beantwortet werden, da ich für diese Arbeit ausschliesslich Otths Werk analysiert und keine direkten Vergleiche mit anderen Orientalisten vorgenommen habe.
Ich konnte allerdings eine Annäherung über den Essay «Orientalism in Nineteenth Century-Art» von Jennifer Meagher finden. Darin argumentiert sie, dass viele orientalistische Darstellungen des 19. Jahrhunderts als Propaganda zur Unterstützung des französischen Imperialismus dienten. So wurde die Realität an das eigene Narrativ angepasst und die Errungenschaften der Kolonialmacht betont. Im Vergleich dazu erscheinen Otths Darstellungen differenzierter, da er seine Erlebnisse meist so schildert, wie er sie wahrnimmt.

Schlussfolgerungen

Otth ist ein Mann seiner Zeit. Gleichzeitig zeigt sich in kritischen Momenten die Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit des orientalistischen Blicks.
Meine Arbeit untersuchte nur eine Auswahl von Lithografien und Textstellen. Zukünftige Studien könnten weitere Lithografien, Platten sowie andere Werke Schweizer Orientalisten analysieren. Ebenso könnte untersucht werden, welchen Einfluss Otths Darstellungen auf spätere Schweizer Orientalisten hatten, die nach ihm Algerien bereisten.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Dr. Ursula Ganz-Blättler

Die Afrikanischen Skizzen des Berner Arztes und Naturforschenden Karl Adolf Otth stammen von einer Reise, die der Berner Patrizier im Jahr 1836 durch Algerien unternahm. Sein Reisebericht mit 30 Illustrationen ist im Rahmen dieser Studie erstmals systematisch auf stereotype Fremd- und Rollenbilder hin untersucht und dabei in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang des Orientalismus gestellt worden. Die Autorin legt eindrücklich dar, wie sehr die aus Europa mitgebrachten „Scheuklappen“ den Reisenden unterwegs prägten und welche vorgefassten Meinungen dadurch in den Bericht einflossen.

Prädikat:

Silber

 

 

 

Gymnasium Neufeld, Bern
Lehrer: Reto Müller