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Johannes Distler, 2006 | Zürich, ZH

 

Diese Arbeit betrachtet den apokalyptischen und bis zum heutigen Tag mysteriösen Zusammenbruch einer bedeutenden, aber rätselhaften Kultur der Bronzezeit: den Niedergang der mykenischen Paläste im heutigen Griechenland. Dieser fällt in den Kontext des Zusammenbruchs der Bronzezeit, in dem sich der ganze östliche Mittelmeerraum um 1200 v. Chr. auf fatale Weise schlagartig und grundlegend veränderte. Indem der Hergang des Kollapses herausgearbeitet wird, können auch Verlaufsmuster von Katastrophen allgemein besser verständlich gemacht werden.
Es wurden zwar schon vielfach Gründe für den Zusammenbruch vorgeschlagen, doch bleiben diese im Einzelnen nach wie vor unklar. Daher unternimmt diese Arbeit den Versuch, einen möglichst plausiblen Hergang des Kollapses über einen multiperspektivischen Zugang zum Thema und eine zeitlich-räumliche Kontextualisierung der mykenischen Welt herzuleiten.
Zuerst wird eine Betrachtung des östlichen Mittelmeerraums in der späten Bronzezeit vorgenommen. Daraufhin wird der mykenische Kulturraum, der weit über Griechenland und Kreta hinaus Spuren hinterlassen hat, genauer beleuchtet. Anschliessend werden die wichtigsten möglichen Ursachen für einen Kollaps aus interdisziplinärer Perspektive untersucht, um auf dieser Grundlage ein eigenes Szenario für den Untergang der mykenischen Paläste zu erstellen.

Fragestellung

Es soll untersucht werden, was im Mykenischen Kulturraum um 1200 v. Chr. im Kontext des sog. Zusammenbruchs der Bronzezeit genau geschah, welche Faktoren unter welchen Bedingungen zum Untergang der dortigen Paläste geführt haben könnten, wie sich die besprochenen Ereignisse auf den Zusammenbruch anderer Strukturen auswirkten und was in Bezug auf aktuelle Vorgänge aus diesem Beispiel allgemein für den Verlauf soziokultureller Katastrophen abgeleitet werden kann.

Methodik

Unter Berücksichtigung von Zeugnissen aller Art wird eine vielschichtige Betrachtung des historischen und räumlichen Kontexts des Kollapses der mykenischen Palastzentren vorgenommen. Zudem wird interdisziplinäre Forschung mit einem breiten Themenspektrum von der Analyse von Tropfsteinen im Zusammenhang mit einem Vulkanausbruch bis zur Ägyptologie für die Ursachenforschung zurate gezogen. Auch Vergleiche mit späteren Katastrophenereignissen werden angestellt.

Ergebnisse

Das in dieser Arbeit entwickelte Szenario geht davon aus, dass heftige Dürreperioden zu einer Hungersnot geführt haben dürften. Dazu kam eine Seuche, die in diesem Szenario eine prominente Rolle spielt. Diese beiden Faktoren hatten einen Einbruch des Tauschhandels, vermehrte Piraterie und Gewalt zur Folge, die sich auch in den sog. Seevölkern äusserten. So schwand die Macht der vom Tauschhandel abhängigen Paläste. Es kam zu stärkerer interpalatialer Konkurrenz und wohl auch zu Rebellionen gegen die Palastelite. All dies mündete in einem Systemkollaps und einem Verschwinden der Elite.
Wichtig ist anzumerken, dass keiner dieser Faktoren für sich allein eine existentielle Gefahr für die Paläste dargestellt hätte. Nur weil sie gemeinsam auftraten und sich gegenseitig verstärkten, konnten sie das fragile System, in dem die Paläste existierten, aus dem Gleichgewicht bringen, und so zu deren Untergang führen.

Diskussion

Viele Aspekte dieses Szenarios wurden bereits anderswo erläutert. Auch der multikausale Ansatz ist nicht neu, im Gegensatz zum genauen Zusammenspiel der Faktoren und der verhältnismässig starken Rolle der Seuche.
Es ist, gerade im vorgegebenen Format, zwar illusorisch, eine vollständige Antwort auf die Fragestellung zu erwarten. Auch wegen der lückenhaften Überlieferung bleibt es bei einem fiktiven Szenario. Die gewählte Methode ist jedoch trotz aller Schwachpunkte des Resultats zielführend: Die Welt der späten Bronzezeit war so stark vernetzt, dass der Zusammenbruch eines Teils ohne ein Verständnis für alle Ursachen und den Rest dieser Welt unbegreiflich ist.

Schlussfolgerungen

Der Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur, für den ein plausibles Szenario skizziert werden konnte, ist ein hochaktuelles Thema. Die eng vernetzte Welt der späten Bronzezeit ist der heutigen, globalisierten Welt ähnlicher, als man annehmen würde. Wir können also aus dem Zusammenbruch der ersteren viel über die Eigenheiten unserer eigenen Lebensrealität lernen. Von welchen Faktoren ist die Stabilität eines sorgfältig austarierten globalisierten Systems abhängig? Und was tun, wenn dieses aus dem Gleichgewicht gerät? Dies sind Fragen, die damals wie heute relevant sind. Deshalb kratzt diese Arbeit gerade erst an der Oberfläche der Thematik, und es muss auf allen Ebenen in grossen, interdisziplinären Projekten weitergeforscht werden.

 

 

Würdigung durch den Experten

Prof. em. Christoph Riedweg

Der Zusammenbruch der Mykenischen Kultur nach 1200 v.Chr. bleibt trotz intensivster Erforschung bis heute rätselhaft. Mit bewundernswerter Energie, Klugheit und Umsicht erläutert Johannes Distler die konkurrierenden Hypothesen und lotet deren heuristisches Potential aus, wobei auch die gleichzeitigen Verwerfungen im umliegenden Mittelmeerraum sowie Katastrophen aus späteren Epochen zum Vergleich herangezogen werden. Es gelingt dem Autor, ein plausibles Szenario des Zusammenwirkens einer Vielzahl verheerender Faktoren zu skizzieren, das auch im Hinblick auf heutige Krisen sehr erhellend ist.

Prädikat:

Silber

Sonderpreis «Forschung auf dem Jungfraujoch» gestiftet von der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz & dem Paul Scherrer Institut

 

 

 

Realgymnasium Rämibühl, Zürich
Lehrerin: Lea Sarah Boesinger