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Linus Zimmer, 2006 | Nunningen, SO

 

Meine Arbeit setzt sich mit dem Waisenknaben Heinrich Schrage (1894-1915) auseinander, der als Matrose im Ersten Weltkrieg fiel. Nach intensiven Archivrecherchen und der Analyse von Schrages 1911-1912 verfasstem Schiffsjungentagebuch entstand eine quellenbasierte Biografie, welche ich in einen historischen Kontext gestellt habe. Dabei wurden insgesamt 66, hauptsächlich in deutscher Kurrentschrift geschriebene, aber auch gedruckte und audiovisuelle Primärquellen bearbeitet. Die Arbeit behandelt neben Schrages Lebenslauf die in der Forschung weitgehend unbeachtete Schiffsjungendivision der Kaiserlichen Marine als einzigartige Bildungsinstitution und Ursprung des Tagebuchs. Schrages kurzes Leben zeigt exemplarisch die prekären Lebensumstände der elsässischen Unterschicht vor dem Ersten Weltkrieg, die von Misshandlung geprägte Kindheit eines Waisenjungen sowie die Ausbildung in der Kaiserlichen Schiffsjungendivision, die Schrage Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach einer von Schicksalsschlägen geprägten Jugend gab, ehe das junge Leben in den Fluten der Ostsee 1915 ein tragisches und jähes Ende nahm.

Fragestellung

Wie verlief das Leben von Heinrich Schrage? Was sagen die Biografie und das Tagebuch von Heinrich Schrage über ihn und seine Zeit aus?

Methodik

Die Archivrecherchen fanden hauptsächlich vor Ort in Strassburg und Freiburg statt. Ein zentraler Arbeitsschritt war die Transkription der zahlreichen, in deutscher Kurrentschrift geschriebenen Primärquellen, darunter das 184 Seiten umfassende Tagebuch Heinrich Schrages. Das Lesen der Kurrenthandschrift habe ich im Selbststudium mittels Alphabettabellen erlernt. Nach der Transkription und der Analyse der Primärquellen entstand daraus ein Bericht, welcher anschliessend anhand der wissenschaftlichen Fachliteratur und regem Austausch mit Marine- und Militärhistorikern ergänzt und kontextualisiert wurde.

Ergebnisse

Heinrich Schrage wurde am 29. November 1894 im damals deutschen Elsass geboren und war ab 1901 Vollwaise. Er verbrachte seine weitere Kindheit in einem autoritär geführten Kostkindhaushalt, geprägt von körperlicher und psychischer Misshandlung, Armut und Krankheit. Nach einer gescheiterten Berufsausbildung trat er 1910 in die Kaiserliche Schiffsjungendivision ein. Die forcierte Rekrutierung von Matrosen erfolgte im Rahmen des deutschen Flottenaufbaus unter Kaiser Wilhelm II. Schrages 1911-1912 verfasstes Schultagebuch entstand auf der Ausbildungsfahrt des Schulschiffs S.M.S. Hertha in die Karibik und beschreibt den Alltag sowie Höhepunkte im Leben eines 17- bis 18-jährigen Schiffsjungen. Das Tagebuch ist das Ergebnis einer pädagogisch und didaktisch modernen Matrosenausbildung, wie sie von der Marineschule Flensburg-Mürwik von 1910-1914 praktiziert wurde. Da es für die Schiffsjungen Pflicht war, im Rahmen des Schulunterrichts ein regelmässig kontrolliertes Tagebuch zu führen, ist der Text unpersönlich, sachlich und positiv grundiert gehalten. Schrage beendete 1912 seine Ausbildung. Im Sommer 1915 war er an Bord der S.M.S. Bremen an Kämpfen im Rigaischen Meerbusen beteiligt. Er verstarb am 17. Dezember 1915, als die S.M.S. Bremen auf zwei russische Seeminen auflief und in der Ostsee versank.

Diskussion

Die drei Lebensabschnitte Heinrich Schrages – Kindheit als Waise, Ausbildung als Schiffsjunge und Einsatz als Matrose im Ersten Weltkrieg – konnten teils detailliert rekonstruiert werden. Der früh bevormundete Schrage löste die «Produktion» zahlreicher administrativer Dokumente aus. Zusammen mit seinem Tagebuch, seinen Briefen und der Korrespondenz des Bezirkswaisenhauses Strassburg konnte die Arbeit auf eine hohe Quellendichte zurückgreifen. Die Erschliessung von Schrages Charakter gestaltete sich hingegen schwierig. Seine unpersönlichen Briefe und Tagebucheinträge reichen nicht aus, um ein Gesamtbild seiner Person zu zeichnen. Dennoch zeigen sich in den thematischen und stilistischen Akzenten der Texte zumindest einige Konturen seiner Persönlichkeit.

Schlussfolgerungen

Mit Heinrich Schrages Biografie konnte das Schicksal eines von Millionen Opfern des Ersten Weltkriegs nachgezeichnet werden. Schrages turbulentes Leben ist dabei nicht nur von biografischem, sondern auch von historischem Interesse. Als Forschungsgegenstand einer mikrohistorischen Fallstudie gibt sein Lebenslauf einen Einblick in ein vorwiegend fremdbestimmtes Leben. Darin spiegeln sich zeitgenössische Handlungs- und Denkmuster von Institutionen sowie globale Ereignisse wie die europäische Urkatastrophe 1914-1918, die eine ganze Generation verstummen liess. Eine genauere Analyse von Schrages Charakter würde persönlichere Primärquellen benötigen.

 

 

Würdigung durch den Experten

Dr. Marco Jorio

Die Arbeit beschreibt das kurze Leben eines jungen Elsässers in drei Akten – geradezu eine tragische Trilogie. Dabei stützt er sich in jedem Lebensabschnitt auf andere Quellengattungen, die er souverän auswertet: Akten der Strassburger Sozialbehörden, das Schultagebuch des Schiffsjungen auf dem Schulschiff MS Hertha und schliesslich Literaturrecherchen zum Seekrieg in der Ostsee, der ihn 21-jährig in den Tod riss. Der Autor hat sich die Lektüre der deutschen Kurrentschrift angeeignet und liefert neben einer gründlichen Quellenkritik eine vollständige Transkription des Tagebuchs..

Prädikat:

Gold

Sonderpreis «Luxembourg International Science Expo (LISE)» gestiftet von der Fondation Jeunes Scientifiques Luxembourg & der Gamil Stiftung

 

 

 

Gymnasium Laufental-Thierstein
Lehrer: Ronald Korak-Kaufmann