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Maja Schmidt-Pollitz, 2007 | Basel, BS

 

Inspiriert durch meinen Auslandsaufenthalt in Bolivien und die Begegnung mit südamerikanischem Textilhandwerk entwickelte ich ein gesticktes Wandbild, das Heimaterinnerungen geflüchteter Jugendlicher sichtbar und für andere lesbar macht. In einem Workshop am Erlenhofzentrum in Aesch zeichneten sechs unbegleitete Asylsuchende Bilder ihrer Heimat, die ich in Anlehnung an die chilenische Arpillera-Tradition, einem politisch motivierten Widerstandshandwerk aus der Pinochet-Diktatur, zu einem gestickten Wandbild aus Stoffresten verarbeitete.

Fragestellung

Ich ging der Frage nach, wie Erinnerungen und Kulturen, die in Gefahr sind zu verschwinden, durch ein Kunsthandwerk erhalten und weitergegeben werden können. Ausgehend von meinen Erfahrungen in Bolivien und einer Recherche zur chilenischen Arpillera-Tradition, untersuchte ich, wie die Heimaterinnerungen geflüchteter Jugendlicher durch gestickte Bilder sichtbar gemacht werden können. Im gesellschaftlichen Diskurs werden Erzählungen über Flucht häufig auf den Moment der Flucht selbst reduziert, weshalb ich in meiner Arbeit bewusst die Frage stellte: «Was war davor?»

Methodik

In einer theoretischen Recherche setzte ich mich mit der Arpillera-Tradition aus Chile auseinander. In einer Arpillera-Gruppe in Basel konnte ich die Sticktradition direkt erleben, Einblicke in die politische Bedeutung der Gruppenarbeit gewinnen und grundlegende Sticktechniken erlernen.
Im praktischen Teil arbeitete ich mit sechs geflüchteten Jugendlichen aus dem Erlenhofzentrum in Aesch. In einem Workshop fertigten sie Zeichnungen ihrer Heimat an, die sie teilweise auch mit Worten beschrieben. Diese Zeichnungen dienten als Grundlage für meine gestalterische Arbeit.
Anschliessend entwickelte ich mehrere Entwürfe für ein Wandbild, digitalisierte die Motive aus den Zeichnungen und erarbeitete Kompositionen mit dem Programm Procreate. Auf diese Weise entstand ein «Schnittmuster» für mein Wandbild. Ich nutzte für die Realisierung textile Techniken wie Stoffapplikationen und verschiedene Stickstiche sowie überwiegend wiederverwendete Materialien, inspiriert von der nachhaltigen Arbeitsweise der Arpilleristas in Chile.

Ergebnisse

Im Verlauf meiner Arbeit wurde deutlich, welche zentrale Rolle Erinnerungen an die eigene Heimat für die geflüchteten Jugendlichen spielen und wie eng diese mit ihrer persönlichen Identität verbunden sind. Die Zeichnungen zeigten vor allem alltägliche Situationen, Orte und soziale Beziehungen, die für sie von grosser Bedeutung sind.
Durch die Kombination der Motive im gestickten Wandbild werden individuelle Geschichten in einer gemeinsamen Bildsprache vereint. Die gewählte Präsentationsform gibt den Stimmen Raum, die im gesellschaftlichen Diskurs häufig überhört werden. Durch das gewählte Medium der bildlichen Darstellung konnte ich Sprachbarrieren überwinden, und die Vielgestaltigkeit verschiedener Kulturen aufgreifen.

Diskussion

Meine Arbeit zeigt, dass Sticken sich besonders gut zur Vermittlung von Erinnerungen und kultureller Identität eignet. Der zeitintensive Entstehungsprozess verleiht den Motiven symbolisches Gewicht und Langlebigkeit. Zudem wirkt das gemeinschaftliche Arbeiten, wie ich bei den «Arañitas» selbst erleben durfte, identitätsstiftend und ist als Moment für sozialen Austausch oft ebenso wichtig wie das fertige Produkt selbst.
Kritisch reflektiere ich, dass die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen auf ein einmaliges Treffen beschränkt war, was den Aufbau von Vertrauen erschwerte und die Inhalte eher oberflächlich hielt. Zudem stand mein Anspruch, allen Beiträgen gleich viel Raum zu geben, teilweise im Widerspruch zu kompositorischen Entscheidungen und technischen Einschränkungen in der Umsetzung des Wandbildes.

Schlussfolgerungen

Mein Projekt bestätigt, dass Bilder als universelle, sprachunabhängige Kommunikationsform besonders dort wirken, wo Sprachbarrieren den Austausch erschweren. Das textile Wandbild macht Heimaterinnerungen geflüchteter Jugendlicher sichtbar die im gesellschaftlichen Diskurs häufig auf die Fluchtgeschichte reduziert werden und verleiht diesen eine adäquate Form. Für künftige Projekte wäre eine längerfristige Zusammenarbeit mit den Jugendlichen wünschenswert, um tiefere und persönlichere Geschichten einbinden zu können. Die hier erfolgte Weiterentwicklung meiner Arbeit umfasst Schablonen, anhand derer die Co-Autorenschaft der beteiligten Jugendlichen für die Betrachtenden sichtbarer wird. Sie verbinden die geschriebenen Erinnerungen mit Elementen des Wandbildes, sodass die Jugendlichen nicht nur als Inspirationsquelle, sondern als Mitgestaltende wahrgenommen werden.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Susanne Käser

Die Arbeit von Maja Schmidt-Pollitz zeichnet sich durch ihre hohe gestalterische Sensibilität im Umgang mit einem gesellschaftlich relevanten Thema aus. Durch die Verbindung von traditionellem südamerikanischem Textilhandwerk mit der Darstellung von Heimaterinnerungen geflüchteter Jugendlicher in der Schweiz, gelingt es ihr, trennende Grenzen kultureller Identität zu überwinden und sich vertieft mit ihrer Rolle und Verantwortung als Gestalterin auseinanderzusetzen. Die ästhetische und zugleich spielerische Umsetzung weckt das Interesse am Thema ohne dessen Dringlichkeit abzuschwächen.

Prädikat:

Gold

Sonderpreis «Genius Olympiad – Art» gestiftet von der SJf-Trägerschaft

 

 

 

Gymnasium Bäumlihof, Basel
Lehrerin: Silvia Arbogast