Mathematik  |  Informatik

 

Simon Balmer, 2005 | Sempach, LU

 

Lebensmittelverschwendung stellt ein bedeutendes globales Problem dar, das auch in Privathaushalten eine zentrale Rolle spielt. Diese Arbeit untersucht, ob eine eigens entwickelte Lebensmittelmanagement App Haushalte dabei unterstützen kann, Food Waste zu reduzieren. Dazu wurde mit Civa eine Android App mit Bestandsverwaltung, Haltbarkeitshinweisen, Rezeptfunktionen und strukturierter Produkterfassung entwickelt, mehrfach überarbeitet und in realen Haushalten erprobt. Über mehrere Erhebungen hinweg zeigte sich ein konsistenter Effekt. Bereits in einer ersten Feldstudie zeigte sich eine Reduktion der dokumentierten Abfallmenge um rund 45 Prozent. In der methodisch strengeren Neuerhebung sank die dokumentierte Abfallmenge im Treatment innerhalb von zehn Tagen um 21.16 Prozent, während sie in der Kontrollgruppe anstieg.

Fragestellung

Ziel der Arbeit war es zu untersuchen, ob eine alltagstaugliche, eigens entwickelte Lebensmittelmanagement App Haushalte dabei unterstützen kann, Lebensmittel besser zu verwalten und dadurch Food Waste zu reduzieren.

Methodik

Die Arbeit verbindet Problemanalyse, Literaturbezug, technische Entwicklung und empirische Erprobung. Auf Basis der analysierten Ursachen von Food Waste wurde die Android App Civa in Kotlin entwickelt. Sie umfasst Bestandsverwaltung, Produkterfassung, Rezeptvorschläge, Benachrichtigungen und weitere Unterstützungsfunktionen. Für undatierte Produkte wurde eine Datumsschätzung integriert. Für datierte Produkte wurde eine wissenschaftlich abgestützte Regelbasis zu Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum ergänzt. Die App wurde durch interne Tests und Rückmeldungen aus der Zielgruppe iterativ verbessert. Zur Wirkungserhebung wurden Vor- und Nacherhebungen in realen Haushalten durchgeführt. Nach einer ersten Erhebung wurde zusätzlich eine methodisch erweiterte Neuerhebung durchgeführt. In der Neuerhebung dauerten beide Phasen je zehn Tage. Ausgewertet wurden ein 11 zu 11 Sample mit 22 Haushalten sowie ein strengeres 8 zu 8 Sample mit 16 Haushalten. Zusätzlich wurde die App Nutzung über automatisch erfasste Eventdaten dokumentiert.

Ergebnisse

Die Auswertung der Erhebungen zeigt eine deutliche Reduktion der dokumentierten Abfallmenge im Treatment. Bereits in der ersten Feldstudie mit sieben Haushalten zeigte sich eine Reduktion um rund 45 Prozent. Im strengeren 8 zu 8 Sample der Neuerhebung sank die Abfallmenge von 4078 g in der Vorerhebung auf 3215 g in der Nacherhebung. Das entspricht einer Reduktion um 863 g oder 21.16 Prozent innerhalb von zehn Tagen. Pro Haushalt sank die durchschnittlich entsorgte Menge von 509.75 g auf 401.88 g. Pro dokumentiertem Tag verringerte sich die durchschnittliche Abfallmenge von 52.1 g auf 42.0 g. Besonders deutlich sank die Menge abgelaufener oder verdorbener Produkte von 3065 g auf 2255 g. In der Kontrollgruppe stieg die dokumentierte Abfallmenge im gleichen Zeitraum von 5834 g auf 7539 g. Im breiteren Treatment Sample wurden zudem 1956 App Ereignisse und 50 Tage aktiver App Nutzung erfasst. Insgesamt zeigt die Neuerhebung eine gegenläufige Entwicklung zwischen Treatment und Kontrollgruppe.

Diskussion

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die entwickelte App insbesondere bei lagerungs- und haltbarkeitsbezogenen Verlusten wirksam sein kann. Dies stimmt mit der methodischen Ausrichtung der Arbeit überein, da für diesen Bereich gezielte Funktionen entwickelt wurden. Gleichzeitig zeigen die Resultate Grenzen. Die Kategorie „zu viel gekocht“ nahm zu, was darauf hindeutet, dass Überproduktion beim Kochen trotz Rezeptfunktionen ein wichtiger Abfallgrund bleibt. Zudem handelt es sich um eine Feldstudie mit begrenzter Stichprobe und relativ kurzem Beobachtungszeitraum. Die Arbeit geht damit über eine rein theoretische Herleitung hinaus, ihre Ergebnisse müssen jedoch vorsichtig eingeordnet werden. Die automatisch erfassten Nutzungsdaten erhöhen die Aussagekraft zusätzlich, da sie zeigen, dass die App während der Erhebung tatsächlich verwendet wurde.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend deutet die Arbeit darauf hin, dass eine eigens entwickelte digitale Intervention einen Beitrag zur Reduktion von Food Waste im Haushalt leisten kann. Besonders bedeutsam ist, dass nicht nur ein Konzept beschrieben, sondern eine konkrete Lösung entwickelt und in realen Haushalten erprobt wurde. Sowohl die erste Erhebung als auch die methodisch strengere Neuerhebung weisen auf einen positiven Effekt hin. Weiterführende Untersuchungen mit längerer Erhebungsdauer, grösseren Stichproben und einer vertieften Betrachtung des Kochverhaltens könnten die Resultate weiter absichern und ergänzen.

 

 

Würdigung durch den Experten

Prof. Dr. Stefan Grösser

Die Arbeit entwickelt und evaluiert eine App zur Reduktion von Lebensmittelverschwendung (Food Waste) in Haushalten. Basierend auf fundierter Analyse, Datenerhebung und Feldstudie entsteht ein innovativer, praxisnaher Lösungsansatz. Die klare Methodik mit Kontrollgruppe und instantanen Nutzungsdaten schafft eine belastbare Grundlage. Der funktionale Prototyp basiert auf einer Wettbewerbsanalyse und positioniert sich als fortschrittliche Lösung im jungen Markt. Die Verbindung von Technologie, Wissenschaft und gesellschaftlicher Relevanz zeigt zudem Potenzial für die Etablierung eines Startups.

Prädikat:

Silber

Sonderpreis «Unternehmer*in werden» gestiftet von Alfred Advisory

 

 

 

Berufsbildungszentrum Bau und Gewerbe (BBZB), Luzern
Lehrer: Dr. Markus Hohl