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Jarl Braun, 2005 | Oberwil bei Zug, ZG
Fliegen wie ein Vogel – ein Traum, der mit dem Gleitschirm greifbar wird. Doch hinter der scheinbaren Leichtigkeit steckt mehr als nur Technik: Der Start entscheidet oft über Sicherheit oder Gefahr. Warum wirken manche Starts ruhig und kontrolliert, während andere hektisch und riskant sind? Diese Arbeit geht in einem Experiment der entscheidenden Frage nach, wie Stress das Verhalten von Piloten beeinflusst – und ob gezieltes Training am Boden (Groundhandling) den Unterschied machen kann.
Die Untersuchung zeigt, dass Groundhandling den Cortisolspiegel beim Start senkt und somit eine wichtige Rolle bei der Stressreduktion haben kann. Aus diesem Grund stellt Groundhandling nicht nur in der Schulung einen wichtigen Bestandteil zur Verbesserung der Startfertigkeiten, sondern auch als brevetierter Pilot.
Fragestellung
Welchen Einfluss haben spezifische Groundhandling-Übungen auf den Cortisolspiegel, die Herzfrequenz und den Blutdruck beim Start?
Welchen Einfluss haben spezifische Groundhandling-Übungen auf die Wahrnehmung und Befindlichkeit des Piloten bei der Ausführung des Starts?
Methodik
Das Experiment fand an zwei Flugschultagen in Interlaken statt. Insgesammt nahmen 19 Flugschüler der Flugschule „Chill Out“ teil, die in zwei vergleichbare Gruppen eingeteilt wurden. Die Gruppe A durchlief beim Experiment ein A|B|A-Design, die Gruppe B ein A|A|B-Design (A=Flug ohne Intervention, B=Flug mit Intervention). Aus ethischen Gründen erhielten beide Gruppen eine Intervention, so dass alle Teilnehmer einen praktischen Mehrwert für ihre zukünftige Gleitschirmkarriere daraus ziehen konnten. Das Messdesign umfasste vier Messzeitpunkte (Basismessung und vor jedem der drei Flüge). Die Startbedingungen (Wind, Pilotendichte usw.) wurden protokolliert und auf einer Skala (Startschwierigkeit) eingeschätzt.
Für die Stressmessung wurden physiologische und subjektive Methoden kombiniert. Der Cortisolspiegel wurde mit Speicheltests bestimmt, während Herzfrequenz und Blutdruck mit Blutdruckmessgeräten erfasst wurden. Die Teilnehmenden bewerteten nach jedem Flug das Wohlbefinden und die Startqualität. Die Auswertung erfolgte deskriptiv mit grafischen Mittelwertsvergleichen. Weiter wurden statistische Tests durchgeführt, eine ANCOVA für den Cortisolspiegel über die verschiedenen Messzeitpunkte sowie t-Tests für die weiteren Variablen. Es wurde die Software JMP® und Jamovi® verwendet.
Ergebnisse
Beim Cortisolspiegel zeigen die Resultate einen klaren Effekt der Groundhandling-Intervention. Bei 14 von 16 Teilnehmenden sank der Cortisolwert nach der Intervention. Die statistische Analyse bestätigt diesen Befund, ein gepaarter t-Test zeigte einen signifikanten Unterschied (p = .011, d = -0.728). Die Herzfrequenz und der Blutdruck zeigten hingegen keine signifikanten Veränderungen, auch wenn teilweise leichte Abnahmen nach der Intervention beobachtet wurden.
Auch die subjektiven Einschätzungen (Startausführung und Nervosität) verbesserten sich tendenziell nach der Intervention leicht, jedoch waren diese Veränderungen statistisch nicht signifikant.
Diskussion
Beim Cortisolspiegel zeigte sich, unter Berücksichtigung des zirkadianen Rhythmus, ein signifikanter Rückgang nach der Intervention. Cortisol erweist sich damit als aussagekräftigster Stressparameter in diesem Experiment. Die anderen Werte sind wahrscheinlich stärker von kurzfristigen Einflüssen, wie Bewegung oder Startbedingungen, abhängig. Es gilt zu beachten, dass bei dieser Untersuchung nur der antizipierte Stress gemessen wurde. Die explorativen Analysen deuten auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den subjektiven Massen hin, nicht aber bei den physiologischen. Die Studie fand in einem praxisnahen Feldsetting statt, dies erhöht ihre Validität. Die vielen nicht kontrollierbaren Bedingungen und die kleine Stichprobe reduzieren die Aussagekraft.
Schlussfolgerungen
Die Studie zeigt, dass gezielte Groundhandling-Übungen den Cortisolspiegel beim Gleitschirmstart signifikant senken können, während für Herzfrequenz, Blutdruck und subjektive Nervosität keine signifikante Reduktion festgestellt werden konnte. Die deskriptiven Ergebnisse und Teilnehmerrückmeldungen deuten darauf hin, dass Groundhandling als hilfreich wahrgenommen wird. Die Expertensaussage von Chrigel Maurer, dass Groundhandling zur Stressreduktion beitragen kann und dadurch beim Start als auch im Flug hilfreich ist, wurde bestätigt. Ein geringeres Stressniveau könnte zudem die motorischen Fähigkeiten verbessern. Dies müsste in Folgeuntersuchungen mit Videoprotokollen untersucht werden. Ob sich dadurch das Unfallrisiko senken lässt, muss ebenfalls in Folgeuntersuchungen geprüft werden.
Würdigung durch den Experten
Dr. Ralf Kredel
Jarl Braun hat nicht nur alle formulierte Auflagen erfüllt, sondern sich auch sehr engagiert und eigenständig in die für eine Maturaarbeit komplexen Auswertemöglichkeiten und inferenzstatischen Verfahren eingedacht und diese selbst durchgeführt. Die funktionsanalytische Betrachtung wurde ebenfalls auf einem sehr guten Niveau umgesetzt. Zudem wurde die Arbeit im Hinblick auf den roten Faden optimiert und leserfreundlich gestaltet. Aus meiner Sicht eine sehr gewinnbringende Coachingphase, die die Arbeit für den Verband zu einer wertvollen Ressource entwickelt haben könnte.
Prädikat:
Gold
Sonderpreis «MILSET Expo-Sciences Europe (ESE)», gestiftet von der Metrohm Stiftung
Kantonsschule Menzingen KSM
Lehrer: Daniel Fankhauser
