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Jana Kernen, 2005 | Wettingen, AG

 

Am 1604 fertiggestellten Chorgestühl der Klosterkirche Wettingen, das 50 Mönchen Platz bietet, befinden sich neben Heiligendarstellungen auch zahlreiche groteske Schnitzereien, deren Bedeutung bislang kaum untersucht wurde. Die Arbeit widmet sich erstmals systematisch diesen Darstellungen, die als Drolerien identifiziert werden. Ziel ist es, Art, Funktion und Symbolik der Drolerien im Kontext der zisterziensischen Klosterkultur zu klären. Untersucht wird, welche Typen grotesker und hybrider Figuren auftreten, wie sie sich historisch deuten lassen und welche Rolle sie im klösterlichen Alltag spielen.
Grundlage ist eine Literaturrecherche zum Zisterzienserorden, dem kunsthistorischen Umfeld und Drolerien sowie die ikonologische Methode nach Erwin Panofsky. Diese erlaubt neben der Betrachtung formaler Merkmale auch die Erfassung des geistigen und moralischen Gehalts der Schnitzereien. Die identifizierten Drolerien wurden in acht Motivkategorien gegliedert und exemplarisch analysiert, um ikonographische Details, motivische Strukturen und symbolische Bezüge herauszuarbeiten. Die Analyse zeigt, dass die Drolerien keine bloss dekorativen Elemente sind, sondern moralisch didaktische Warnbilder, die im Kontrast zu den Heiligenfiguren eine sündhafte Gegenwelt entfalten und so den sakralen Gehalt des Chorgestühls betonen.

Fragestellung

Die Arbeit untersucht die am Chorgestühl der Klosterkirche Wettingen dargestellten grotesken und hybriden Figuren. Im Zentrum steht die Frage, welchem Begriff diese Darstellungen zugeordnet werden können, wie sie sich im historischen und gesellschaftlichen Kontext deuten lassen und welche Funktionen sie im klösterlichen Umfeld erfüllten. Dabei interessiert besonders, inwieweit die Schnitzereien Rückschlüsse auf die Wert- und Weltvorstellungen der Wettinger Zisterziensermönche zulassen.

Methodik

Die Arbeit stützt sich auf Literaturrecherche zum Zisterzienserorden, dem kunsthistorischem Umfeld um 1600 und Drolerien sowie auf eine ikonologische Analyse nach Erwin Panofsky. Die Drolerien wurden in acht Motivgruppen eingeteilt und exemplarisch von der vorikonographischen Beschreibung über die ikonographische Deutung bis zur Interpretation im Kontext zisterziensischer Spiritualität analysiert.

Ergebnisse

Die ikonologische Analyse zeigt, dass sich am Chorgestühl der Klosterkirche Wettingen eine grosse motivische Vielfalt von Drolerien findet, die sich dennoch in wiederkehrende Kategorien einteilen lassen. Mischwesen verweisen auf einen Vernunft-Trieb-Konflikt und dämonische Aspekte. Figuren mit verzerrten oder verbundenen Mündern thematisieren den Missbrauch der Sprache vor dem Hintergrund des zisterziensischen Schweigegebots. Hörner, verbundene Augen und wuchernde Pflanzen symbolisieren Sünde, Blindheit, Vergänglichkeit und fordern Verzicht, Bescheidenheit, Selbstkontrolle. Insgesamt wird deutlich, dass die Drolerien nicht zufällige Schmuckelemente am Chorgestühl sind, sondern moralisch-didaktische Bildmotive, die im direkten Kontrast zu den Heiligenfiguren stehen und deren Wirkung verstärken.

Diskussion

Die grotesken Schnitzereien lassen sich aufgrund ihres Inhalts und ihrer Platzierung am Rand sakraler Darstellungen eindeutig der ikonographischen Kategorie «Drolerie» zuordnen. Indem sie eine Gegenwelt bilden, heben sie das Heilige noch stärker hervor. Damit beantwortet die Arbeit die Frage nach Funktion und Bedeutung der Figuren insofern, als sie die Drolerien als moralisch didaktische Bildmotive ausweist, die zentrale zisterziensische Werte wie Verzicht, Demut, Disziplin und Wachsamkeit visualisieren.
Schliesslich zeigt sich, dass die ikonologische Methode nach Panofsky ein geeignetes Instrument ist, um die tieferen Bedeutungen der Drolerien sichtbar zu machen. Die unvollständige Erfassung des Bestandes aufgrund der Renovation sowie die ausgeblendeten Fragen nach Werkstatt, Auftraggebern und Materialität markieren Grenzen der Aussagekraft und bieten Ansatzpunkte für weiterführende Untersuchungen.

Schlussfolgerungen

Die Drolerien des Wettinger Chorgestühls dienten als visuelle Erinnerung an zentrale zisterziensische Werte und als Warnbilder vor Sünde, Verblendung, Ungehorsam und Ordnungsverlust. Als Randfiguren rahmen sie Heiligenbilder ein, führen eine sündhafte Gegenwelt vor Augen und verstärken so den sakralen Gehalt. Die Schnitzereien eröffnen Einblicke in Frömmigkeit und Kunstverständnis der Wettinger Zisterzienser im 17. Jahrhundert nach der Reformation und Gegenreformation. Eine spannende Weiterführung der Arbeit wäre ein systematischer Vergleich mit anderen (zisterziensischen) Chorgestühlen.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Vanessa Vogler

Jana Kernen widmet sich in ihrer Arbeit der Frage, welche Bedeutung den Drolerien am Chorgestühl in der Klosterkirche Wettingen zukommt. Die Autorin überzeugt mit einer originellen Fragestellung, die von ausgeprägter kulturhistorischer Neugier und von beeindruckendem Forschungseifer zeugt. Dank der geschickten Strukturierung gelingt trotz der Komplexität des Themas eine vertiefte Auseinandersetzung. Der sichere Umgang mit Fachbegriffen unterstreicht die methodische Kompetenz. Die Resultate sind differenziert hergeleitet und klar präsentiert.

Prädikat:

Silber

 

 

 

Kantonsschule Wettingen, Wettingen AG
Lehrerin: Stefanie Nydegger