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Oda Holzknecht, 2006 | Rothrist, AG

 

Die Arbeit untersucht, weshalb Friedrich Schiller sich im Balladenjahr 1797 bewusst für die Form der Ballade entscheidet, obwohl viele der behandelten Stoffe dramatisches Potenzial besitzen. Am Beispiel von „Die Kraniche des Ibykus“ sowie dem „Mädchen von Orleans“ im Vergleich zu „Die Jungfrau von Orleans» wird aufgezeigt, dass die Ballade für Schiller ein Experimentierfeld darstellt, in dem sich Handlung auf einen pointierten Moment verdichten lässt. Erst wenn diese Verdichtung überschritten wird, wie im Falle der „Jungfrau von Orleans» , wird eine dramatische Ausarbeitung umgesetzt.

Fragestellung

Warum entscheidet sich Schiller im Balladenjahr 1797 primär für die Ballade als Form, obgleich die behandelten Stoffe oftmals dramatischer Natur sind? Unter welchen Bedingungen erweist sich die Ballade als geeignetere Form und ab welchem Punkt wird der Übergang zum Drama notwendig?

Methodik

Analysiert wurden als zentrale Fallbeispiele die Ballade „Die Kraniche des Ibykus» so wie der Orleans-Stoff in seiner balladesken und dramatischen Ausgestaltung. Mittels Close Reading wurden Strukturmerkmale wie Konfliktform, Wendepunkt und Darstellungsweise untersucht. Ergänzend wurden gattungstheoretische Modelle wie Schillers poetologische Überlegungen herangezogen. Der Fokus lag hierbei auf der Funktion der Form im Verhältnis zum zu vermittelnden Stoff.

Ergebnisse

Die Analyse zeigt, dass die Ballade für Schiller besonders geeignet ist, wenn das Geschehen auf einen einzelnen Moment zugespitzt werden kann. In „Die Kraniche des Ibykus» kulminiert die Handlung in der plötzlichen Eigenentlarvung der Täter, somit fallen Handlung und Erkenntnis zusammen und können stark verdichtet dargestellt werden. Ereignisse wie das Aufscheinen der Erinnyen oder des Kranichzugs lassen sich textuell darstellen, nicht jedoch auf einer Bühne aufzeigen. Die Ballade erlaubt somit eine Verbindung narrativer Übersicht und dramatischer Spannung, ohne jedoch die Anforderungen einer Bühne erfüllen zu müssen. Der Orleans-Stoff hingegen weist einen anderen Strukturtyp auf, indem sich der zentrale Konflikt sich graduell entwickelt und innere sowie äussere Prozesse umfasst. Diese Entwicklung kann nicht in einem einzigen Moment verdichtet werden. Deshalb wird die balladeske Form in ihren Kapazitäten überschritten und in der „Jungfrau von Orleans» dramatisch ausgearbeitet.

Diskussion

Die Ergebnisse legen nahe, dass Schillers Entscheidung für die Ballade im Balladenjahr 1797 nicht zufällig ist, sondern vielmehr aus ihrer spezifischen poetischen Leistung resultiert. Die Ballade ermöglicht somit, komplexe Stoffe auf das Wesen der Handlung zu begrenzen und in verkürzter Form dazustellen. Sie fungiert somit als Zwischenraum der Gattungen, die dramatische Strukturen aufnimmt, ohne jedoch an die Grenzen einer Bühne gebunden zu werden. Ihre Grenze zeigt sich dort, wo ein Stoff keinen singulären Umschlagsmoment besitzt. An dieser Stelle wird ein Drama notwendig.

Schlussfolgerungen

Die Ballade ist für Schiller eine bewusst gewählte Form, die sich besonders für eine Verdichtung und Pointierung von Handlungen eignet. Sie steht nicht im Gegensatz zum Drama, sondern ergänzt es als eigenständige Darstellungsweise. Schillers primäre Entscheidung für eine Ballade in beiden Fällen im Jahr 1797 lässt sich als poetologisches Experiment verstehen, dessen Grenzen sich im Übergang zu den Dramen späterer Jahre zeigen. In diesem Sinne erweist sich die Ballade als eine Form, die weder dem Drama unterlegen ist noch es ersetzt, sondern dessen Möglichkeiten in eine andere Form des Stoffs erweitert, indem sie eine dramatische Gegenwart jenseits realer Aufführbarkeit schafft.

 

 

Würdigung durch die Expertin

Dr. des. Anita Martin

Mit den Thesen zur «Ballade im Zwischenraum der Gattungen» präsentiert Oda Holzknecht einen eigenständigen und überzeugenden Beitrag zu einer zentralen literaturwissenschaftlichen Fragestellung: Warum bedienen sich Dichtende poetischer Gattungen und inwiefern passen sie diese an zeitgenössische Begebenheiten an? Minutiös analysiert die Autorin vergleichend Strukturmodelle zweier Texte aus dem Balladenjahr 1797 und zeigt, mit Blick auf damalige und aktuelle Fragen zur Darstellbarkeit, das Potenzial der Zwischengattung auf. So trägt sie zur Differenzierung gattungstheoretischer Perspektiven bei.

Prädikat:

Gold

Sonderpreis «Luxembourg International Science Expo (LISE)» gestiftet von der Fondation Jeunes Scientifiques Luxembourg & der Gamil Stiftung

 

 

 

Kantonsschule Zofingen
Lehrer: Kristian Rodriguez