Biologie  |  Umwelt

 

Aliena Baumgartner, 2008 | Saland, ZH

 

Diese Arbeit untersucht das Territorialverhalten brütender Blässhühner in Abhängigkeit des Brutstadiums. Ziel war es, die Veränderung der Territorialverteidigungsintensität zwischen Brutstadien quantitativ darzustellen. Dazu wurden acht Brutpaare an zwei Weihern mittels Videoaufnahmen an insgesamt 23 Beobachtungstagen untersucht. Bei jedem Brutstadium wurden für inter- und intraspezifische Konflikte Anzahl, Dauer und Intensität ermittelt. In beiden Konfliktarten nahmen Anzahl und Dauer von der Nistphase bis in die frühe Jungenaufzucht ab und danach wieder zu. Die Intensität der Verhaltensweisen zeigte eine gegenteilige Veränderung. Die Resultate deuten auf einen Dear-Enemy-Effekt sowie möglicherweise Territory prospecting hin. Wegen des sich verändernden Werts der Jungtiere für die Eltern wurde bei interspezifischen Konflikten ein Intensitätsanstieg in der frühen Jungenaufzucht erwartet. Dem widersprechen die Resultate, was durch den grossen Anteil an Konflikten mit Teichhühnern erklärt werden könnte. Möglicherweise besteht zwischen Bläss- und Teichhuhn interspezifische Konkurrenz, was zu ähnlichen Resultaten wie in intraspezifischen Konflikten führt.

Fragestellung

1) Hat das Brutstadium (6 Phasen) einen signifikanten Einfluss auf mind. einen der Faktoren Anzahl, Dauer und Intensität der Konflikte in inter/intraspezifischen Konflikten?
2) Wenn ja: welchen?

Methodik

Je 4 Brutpaare an zwei Weihern wurden wöchentlich (März-Juni) für 30 min mit zwei Handykameras gefilmt, was 23 Beobachtungstage ergab. Die Videos wurden pro Brutpaar ausgewertet; für jeden Konflikt wurden Dauer, Verhaltensweisen und «Gegner» notiert. Die Anzahl wurde an die sichtbare Zeit der Brutpaare angepasst. Die Auswertung erfolgte in R durch Vergleichstest (z.B. Wilcoxon signed Rank test) und Generalized Linear [Mixed] Models. Zur Modellauswertung wurden R²-Werte, Vergleiche mit Modellen ohne Brutstadium als Erklärung (Nullmodelle) durch Likelihood-ratio-Tests und paarweise Vergleiche von Estimated Marginal Means (EMM) benutzt.

Ergebnisse

Die Anzahl intrasp. Konflikte war in der Nistphase am höchsten, nahm bis zur frühen Jungenaufzucht ab und danach wieder zu (marg. R² = 0.122). Signifikante Unterschiede zwischen EMM gibt es keine, der LR-Vergleichstest mit dem Nullmodell ist ebenfalls nicht signifikant. Die Dauer verändert sich in derselben Weise (LR-Test n.s.), wobei zwischen einzelnen EMM signifikante Unterschiede bestehen. Ein Modell zur Gesamtzeit intrasp. Konflikte (marg. R² = 0.178) ist signifikant besser als das entsprechende Nullmodell, was auf einen Einfluss des Brutstadiums hindeutet. Bei jungen Jungtieren kamen am ehesten intensive Verhaltensweisen vor, die Veränderung ist aber nicht signifikant.
Dasselbe Muster wie intrasp. wurde auch in intersp. Konflikten beobachtet (marg. R²: 0.107 [Anzahl]/0.043 [Dauer]/0.066 [Gesamtzeit]); es gibt keine signifikanten LR-Testresultate. Die Intensität zeigt ein ähnliches Muster wie intrasp., wobei es signifikante Veränderungen gibt – allerdings bei kleiner Stichprobe.

Diskussion

Frage 1) kann anhand der Resultate mit ja beantwortet werden. Die Daten für intrasp. Konflikte deuten auf einen Dear Enemy-Effekt hin (viele/lange Konflikte anfangs; dann weniger). Anzahl und Dauer stiegen am Ende der Brutsaison stärker als erwartet, möglicherweise aufgrund von Territory prospecting (tritt v.a. Anfang und Ende Saison auf), Nahrungsknappheit oder des steigenden Reproductive Value (RV) der Jungtiere.
Die erhöhte Konfliktintensität in der frühen Jungenaufzucht könnte eine zeitsparende Kompensation sein (geringe Gesamtkonfliktzeit).
Wegen des steigenden RV der Jungtiere wurden in intersp. Konflikten die höchsten Werten bei jungen Jungtieren erwartet (danach sind sie selbstständig und werden weniger verteidigt). Das gegenteilige Resultat könnte durch den hohen Anteil an Konflikten mit Teichhühnern erklärt werden (intersp. Konkurrenz -> ähnlich intrasp.). Wegen der kleinen Stichprobe sind die Intensitätsdaten nicht robust.
Das Protokoll der Tiere auf dem Weiher sollte an deren veränderliche Anzahl angepasst werden.

Schlussfolgerungen

Der Verlauf des Territorialverhalten konnte quantitativ dokumentiert werden, wodurch ein Einfluss des Brutstadiums auf das Territorialverhalten von Blässhühnern bestätigt werden konnte. Für aussagekräftigere Resultate zu interspezifischen Konflikten und zur Behandlung der Frage, ob es Unterschiede in der Verteidigung gegen verschiedene Arten gibt, wäre eine grössere Stichprobe nötig. Die Erstellung eines Intensitätsindex aufgrund einer absoluten Rangierung der Verhaltensweisen war nicht möglich; durch eine separate Studie könnte dies erreicht werden.

 

 

Würdigung durch den Experten

Tobias Roth

Stundenlang geduldig am Weiher sitzend, die Kamera auf brütende Blässhühner gerichtet, hat Aliena Baumgartner über viele Beobachtungstage hinweg hunderte von Territorialkonflikten erfasst und ausgewertet. Mit klaren Hypothesen und viel Eigeninitiative zeigt sie überzeugend, dass Blässhühner ihr Revier je nach Brutstadium unterschiedlich intensiv verteidigen. Besonders überzeugt die ausgewogene Diskussion, in der auch unerwartete Befunde sachlich eingeordnet werden. Ihre Arbeit weckt die Neugier auf weitere Fragen rund um das faszinierende Sozialverhalten dieser Vögel.

Prädikat:

Silber

Sonderpreis «Alpine Plant Ecology – Lernen und Forschen im Hochgebirge» gestiftet von dsm-firmenich Switzerland

 

 

 

Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
Lehrer: Marcel Hatt