Literatur | Philosophie | Sprache
Gianna Madita Emmenegger, 2006 | Düdingen, FR
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Madeline Miller in ihrem Roman „Ich bin Circe“ die Figur der Circe im Vergleich zu Homers „Odyssee“ neu interpretiert. Im Zentrum steht die Frage nach den Machtquellen der Protagonistin und deren Transformation im diachronen Vergleich. Mithilfe einer intertextuellen Analyse konnten drei zentrale Machtquellen identifiziert werden: Verführung, magische Kräfte und Göttlichkeit, die zugleich als literarische Archetypen (Verführerin/Femme fatale, Hexe, Göttin) gefasst werden. Während diese bei Homer weitgehend statisch und negativ konnotiert erscheinen, werden sie bei Miller dynamisiert und psychologisch vertieft. Insbesondere interpretiert Miller Verführung als Reaktion auf traumatische Erfahrungen (Opfer-Täter-Umkehr) und magische Fähigkeiten als Resultat eines Selbstfindungs- und Lernprozesses. Die Göttlichkeit verliert zugunsten einer Identitätsentwicklung an Bedeutung. Die Untersuchung zeigt, dass Millers Adaption nicht nur eine literarische Neuinterpretation darstellt, sondern auch zeitgenössische Diskurse über Identität, Geschlechterrollen und Macht reflektiert.
Fragestellung
Die Leitfrage lautet: Inwiefern interpretiert Madeline Miller die Machtquellen der Figur Circe im Vergleich zu Homer neu?
Methodik
Die Arbeit basiert auf einer intertextuellen, diachronen Analyse der „Odyssee“ und Millers Roman.
Zunächst werden die beiden Quellen systematisch ausgewertet: Mithilfe von Exzerpten, Farbcodierungen und tabellarischen Vergleichen werden sie strukturiert und es werden Kategorien von Machtquellen gebildet. Zur Feinanalyse wird das Konzept der literarischen Archetypen als Interpretationsfolie beigezogen. Anschliessend erfolgt eine synthetische Gegenüberstellung der Ergebnisse, wobei unter anderem die Entwicklungsdynamik innerhalb der archetypischen Themenbilder herausgearbeitet wird.
Ergebnisse
Folgende Neuinterpretationen von Circes Machtquellen bei Miller konnten herausgearbeitet werden:
Macht als Verführerin: Während Homers Circe den statischen Archetypen der rachsüchtigen Femme fatale bedient, die die angelockten Männer ins Unglück stürzt, deutet Miller ihre Circe im Sinne einer Opfer-Täter-Umkehr neu. Durch die Begegnung auf Augenhöhe mit Odysseus verwandelt sich Circe von der Femme fatale (Ziel der Rache) zur Verführerin, die ihre sexuelle Erfüllung sucht. Circe lernt ihre Bedürfnisse wie Lust und Liebe wieder wahrzunehmen, sodass sie bei der Begegnung mit ihrer wahren Liebe Telemachos keine Verführungskünste mehr anwenden muss.
Macht als Hexe: Homers Circe wird als grausame Hexe mit angeborenen magischen Kräften skizziert. Im Gegensatz dazu interpretiert Miller die magischen Kompetenzen als Lernprozess, der gleichzeitig ihren Selbstfindungsweg symbolisiert. Dabei sind es nicht nur die erlernten Fähigkeiten, die ihr Stärke verleihen, sondern auch der erfolgreiche Umgang mit Misserfolgen.
Macht als Göttin: Die Göttlichkeit der Circe ist eine Konstante in Homers Vorlage. Diese wird von Miller neu adaptiert, indem sie ihre Protagonistin in eine Ambivalenz zwischen titanischer Herkunft und Menschsein stellt. Durch die oben beschriebenen identitätsstiftenden Prozesse findet Circe zu ihrem wahren Selbst und dadurch zu einer neuen Art von Stärke und Macht. Indem sie weiss, wer sie ist, wird Circe liebesfähiger. Sie wird bereit, auf ihre Unsterblichkeit als Göttin zu verzichten, sodass sie aus Liebe dem Tod ins Auge sehen kann.
Insgesamt verschiebt sich das Bild von einer statischen, antagonistischen Figur hin zu einer komplexen, entwicklungsfähigen Persönlichkeit.
Diskussion
Die gewählten Methoden führten zu einer vollständigen Beantwortung der Leitfrage. Es stellt sich die Frage, ob schliesslich die neu interpretierten Machtquellen bei Miller in Kraftquellen münden, die sich darin zeigen, dass sie ihr Trauma aufarbeitet, ihre Berufung findet und liebesfähig wird.
Schlussfolgerungen
Madeline Miller interpretiert Circes Machtquellen neu, indem sie diese psychologisiert und individualisiert. Die Arbeit zeigt, dass antike Stoffe durch Neuinterpretationen ihre Aktualität bewahren. Dies gilt nicht nur für die heutige Zeit, darum wäre es spannend, die Figur der Circe und deren Machtquellen auch in weiteren Adaptionen aus anderen Epochen zu untersuchen.
Würdigung durch die Expertin
Désirée Wenger
Gianna Emmenegger hat in dieser intertextuellen Literaturarbeit die Machtquellen der Circe im homerischen Original mit jenen in Madeline Millers 2023 erschienenem Roman sowie die Archetypen beider Werke verglichen. Dafür hat sie fundierte Theoriearbeit mit gut ausgewählten Quellen, hervorragender Textanalyse, passenden Textbelegen und kritischen Gegenwartsbezügen verbunden. Die Arbeit zeichnet sich durch eine klare Fragestellung, Aktualität und Relevanz aus und zeugt von einem vertieften Literaturanalyseverständnis.
Prädikat:
Silber
Kollegium Heilig Kreuz, Fribourg
Lehrerin: Christa Lobsiger
